Polaroid Fan

Das Unikat in der Fotografie

    Warum ist das Unikat so interessant?

Das Unikat leitet sich vom lateinischen unus (einziger) ab und bezeichnet ein Objekt, das lediglich in einer Fassung vorliegt. Häufig handelt es sich dabei um Objekte aus dem Bereich der Kunst. Seltener denkt man heutzutage dabei an die Fotografie, eigentlich ein Teilgebiet der Kunst. Wieso eigentlich nicht?

Ein wichtiges Merkmal des Unikats besteht in seiner Handfertigung. Die zugrundeliegende Prämisse lautet also Handfertigung = Einzigartigkeit. Der maschinelle Prozess zur Fertigung von Waren spielt im Horizont des Unikats demnach keine Rolle. Seit der industriellen Revolution sind die Maschinen im Fertigungsprozess jedoch nicht mehr wegzudenken. Sie halfen Produkte mit standardisierten Eigenschaften und Qualitäten zu fertigen, um Massenmärkte zu erschaffen bzw. zu bedienen. Das nennen wir allgemein „Fortschritt“. Der Reiz von Unikaten besteht in der heutigen Zeit der Massenproduktionen also darin, etwas Einzigartiges zu erschaffen bzw. zu besitzen, das den meisten Menschen vorenthalten bleibt.

Massenprodukte besitzen im Vergleich zu Unikaten, geht man von einem Vergleich in derselben Kategorie aus (Bsp. Auto), einen weitaus geringeren Wert. Wir sind also ständig dem Widerspruch ausgesetzt, dass wir einerseits etwas besitzen möchten, was andere auch besitzen, andererseits möchten wir, dass unser Besitz etwas Besonderes, Einzigartiges ist.

Fotografie und Unikat, das geht heute scheinbar gar nicht zusammen. Selbst wenn wir die analoge Fotografie (in einem uns zugänglichen Zeithorizont) nehmen, handelt es sich um eine maschinelle Bilderzeugung, die immer noch Massen an Bildern hervorbringt. Die digitale Fotografie nehmen wir da gar nicht erst in den Blick. Der hier beschriebene Umstand befeuerte die Diskussion, ob denn Fotografie Kunst sein könne, seit den Anfängen dieser Technik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Apparat schien der (künstlerischen) Handfertigkeit im Wege, Massenprodukte waren Fotografien zunächst jedoch nicht.

Welche historischen Techniken in der Fotografie produzieren Unikate?

Interessanterweise waren die ersten Techniken ausschließlich dazu in der Lage, fotografische Unikate anzufertigen. Wäre es dabei geblieben, die Fotografie hätte wohl niemals den Stellenwert eingenommen, der ihr heute zukommt. Man hatte am Anfang also eine Technik, die mittels eines Apparats, Bilderunikate herzustellen vermochte. Nun ja – Begeisterung und Ernüchterung über diese Erfindung hielten sich deswegen zunächst die Waage. Eines der erste kommerziellen Traktate im Bereich der Fotografie trug deshalb auch den Titel The pencil of Nature (Henry Fox Talbot, 1844). Die Fotografie, war sie lediglich eine naturgetreue Zeichnung der Natur?

So schien es zumindest. Louis Jacques Mandé Daguerre stellte 1839 das erste patentierte fotografische Verfahren vor. Es wurde nach seinem Erfinder Daguerreotypie genannt. Daguerre machte dünne Silberplatten bzw. versilberte Kupferplatten mit Joddämpfen lichtempfindlich. Nach der Belichtung der Platte in der Kamera entwickelte er das Bild mit Quecksilberdämpfen. Das Bild war also fest mit seinem Trägermedium, der metallischen Platte, verbunden und ähnelte der Natur - zumindest in der Konturierung der abgebildeten Gegenstände - wie kein weiteres, damals verfügbares Verfahren. Eine Vervielfältigung war jedoch nicht möglich, es handelt sich bei der Daguerreotypie um ein klassisches Unikat. Dementsprechend erfuhren diese ersten Fotografien eine hohe Wertschätzung. Der kostspielige Materialeinsatz und ein nicht unerhebliches Maß an Handfertigkeit ließ die Verfechter der Daguerreotypie die neue Technik in einen künstlerischen Kontext, ähnlich der Malerei, rücken.

William Henry Fox Talbot, der Verfasser des Traktats The pencil of Nature (1844), arbeitete mit Daguerre zeitgleich an einem fotografischen Verfahren, ging dabei jedoch einen anderen Weg. Er erkannte, dass der eigentliche Wert der Fotografie in der Möglichkeit ihrer Vervielfältigung liegen würden. Deshalb entwickelte er ein Negativverfahren, das jedoch nicht an die Bildqualität der Daguerreotypie heranreichte. Seine Erfindung stellte aber eine Vorstufe des Negativfilms dar, welcher der analogen Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Durchbruch verhalf. 

Tintype im Kollodium Nassplatten Verfahren

1850 stellte der englische Bildhauer und Fotograf Frederick Scott Archer ein Verfahren vor, das die Fotografie revolutionierte. Er verwendete frisch aufgetragenes Kollodium als Bindeschicht zwischen dem Trägermedium und den Silberpartikeln. Die Besonderheit, das sogenannte Kollodium Nassplatten Verfahren funktionierte auf Metall- und Glasplatten. Ergab das Kollodium Nassplatten Verfahren auf Metall (Tintype) weiterhin ein unikates fotografisches Bild, erzeugte es unter Verwendung von Glasplatten (Ambrotypie) ein Negativ, mit dem unendlich viele Abzüge hergestellt werden konnten – und das in der gleichen Qualität wie beim Unikat. Archer gelang es also, die Vorzüge der beiden bereits bekannten Verfahren, der Daguerreotypie und der Talbotypie, zu vereinen. Das fotografische Unikat verlor seitdem zunehmend an Bedeutung. Die Zeitgenossen wussten, die Zukunft lag in der Vervielfältigung von Fotografien.

Moderne fotografische Unikate – das Polaroid

Nachdem das fotografische Unikat zum Ende des 19. Jahrhunderts an Bedeutung verlor, erlebte es in der Mitte des 20. eine erstaunliche Renaissance. Der Physiker Edwin Herbert Land entwickelte in den 1930er Jahren eine Polymerfolie, in der sich auch Jod befand. Mit dieser Entdeckung gründete er 1937 eine Firma, die den Namen Polaroid trug und bis heute bekannt ist. Es dauerte noch einige Zeit bis Land 1947 eine erste Kamera vorstellte, die auf seiner Polymerfolie basierend, in nur wenigen Sekunden nach der Aufnahme Bilder zeigte.

privates Polaroid

Der komplette Entwicklungsprozess wurde direkt auf dem Papier bzw. in der dort aufgetragenen Folie bewerkstelligt, eine Dunkelkammer brauchte es nicht. Ideal für Laien und Künstler. Der Prozess wurde in den Folgejahren immer weiter verfeinert. Vor allem die Entwicklungszeiten konnten dabei immer weiter verkürzt werden. Durch die kompakten Maße und das im Vergleich zu Metallplatten geringe Gewicht, wurde das Polaroidbild ein großer Erfolg.

Das Impossible Projekt – die Wiederbelebung des fotografischen Unikats im 21. Jh.

Im Jahr 2008 übernahm das Unternehmen Impossible die letzte noch vorhandene Fabrik zur Herstellung von Polaroids in Holland. Nachdem sich Polaroid aus dem Geschäft zurückziehen wollte, übernahm Impossible den kompletten Produktionsstrang, musste die Filmentwicklung in Kooperation mit dem Filmhersteller Ilford aber teilweise neu entwickeln, da wichtige frühere Zulieferer ebenfalls ihre Produktion eingestellt hatten.

Neben der Wiederaufbereitung alter Polaroid Kameras bietet das Unternehmen eine Reihe eigener, neu entwickelter Kameras an. Denn eines war klar, soll das fotografische Unikat in der digitalen Welt überleben, braucht es die dazugehörige alte Technik und vor allem das richtige Gefühl. Impossible war sich sicher, dass das Polaroid keineswegs aus der Zeit gefallen war. Im Gegenteil, und das belegen die Verkaufszahlen, dem fotografischen Unikat stehen glanzvolle Zeiten bevor.

Mehr Informationen zum Impossible Projekt findet ihr hier.

Wir vom Studio Camera Curiosa begrüßen das Impossible Project und wünschen den Beteiligten gutes Gelingen. Denn uns hat die Faszination des fotografischen Unikats ebenfalls gepackt. Nur gehen wir viel weiter in die Geschichte zurück und lassen gemeinsam mit unseren Workshopteilnehmern das Kollodium Nassplatten Verfahren wieder aufleben.

Ihr habt Interesse ein fotografisches Unikat herzustellen, dann meldet euch bei einem unserer nächsten Kollodium Nassplatten Workshops an!  

 

 

 

Headerbild: I need a home for my hands & head, Marina Montoya, Flickr, Creative Commons CC by 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Porträt: Camera Curiosa

Polaroid: Daphne, Flickr, Creative Commons CC by 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)